Missingsch: Hochdeutsch mit niederdeutscher Grammatik
Der Satz „Das Bild is für ihr“ klingt nach Hochdeutsch, verrät aber die norddeutsche Herkunft des Sprechers. So klingt Missingsch: ein Regiolekt, in dem vertraute Wörter nach anderen Regeln zusammengesetzt werden. Der Beitrag erklärt, was dahintersteckt und wo Missingsch vorkommt.

Was Missingsch ist
Missingsch, auch Messingsch genannt, ist eine norddeutsche Sprachvarietät. Sie entstand, als Muttersprachler des Niederdeutschen begannen, Hochdeutsch zu sprechen. Es handelt sich um einen Regiolekt des Hochdeutschen, nicht um einen niederdeutschen Dialekt. Der Wortschatz ist überwiegend hochdeutsch.
Grammatik und Satzbau bleiben dagegen niederdeutsch. Auch niederdeutsche Redewendungen werden oft wörtlich ins Hochdeutsche übertragen. Im Beispielsatz steht statt „für sie“ die niederdeutsch geprägte Objektform „für ihr“. Hier verbinden sich hochdeutsche Wörter mit niederdeutscher Grammatik.
Woher der Name kommt
Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt. Eine Deutung führt ihn auf Meißnisch zurück, die Kanzleisprache von Meißen. Eine andere verweist auf Messing, weil im Missingsch zwei Sprachen verschmelzen wie zwei Metalle in einer Legierung.
Diese Unsicherheit zeigt sich auch in den Schreibweisen Missingsch und Messingsch. Beide Deutungen beziehen sich auf dasselbe Phänomen: Die eine stellt die hochdeutsche Norm in den Mittelpunkt, die andere die Mischung zweier Sprachen.
Wo man Missingsch findet
Am bekanntesten ist die Hamburger Ausprägung, vor allem durch das Ohnsorg-Theater. Als weitere Orte werden Bremen, Kiel und Ostwestfalen genannt. Der Regiolekt ist also nicht auf eine Stadt beschränkt, hat aber örtliche Varianten.
Auch in der Literatur kommt Missingsch vor, etwa in Kurt Tucholskys Roman Schloß Gripsholm. Literarisches Missingsch ist einheitlicher als die gesprochene Sprache, die sich von Ort zu Ort unterscheidet.
Kurz gesagt
Missingsch verbindet hochdeutschen Wortschatz mit niederdeutscher Grammatik. Es hat örtliche Spielarten und findet sich auf der Bühne ebenso wie in Büchern. Für seine Einordnung ist die Unterscheidung entscheidend: Missingsch ist ein Regiolekt des Hochdeutschen, kein niederdeutscher Dialekt.
Missingsch im Buch und auf der Bühne
Kurt Tucholsky, geboren am 9. Januar 1890 in Berlin, ließ in seiner 1931 erschienenen Sommergeschichte Schloß Gripsholm die Figur Lydia sprechen, die aus Rostock stammt. An ihr zeigt sich, wie literarisches Missingsch klingt: hochdeutsche Wörter, die nach niederdeutschen Mustern zusammengesetzt sind.
Auch das Hamburger Ohnsorg-Theater steht für diese Mischung. Richard Ohnsorg gründete es 1902 als Dramatische Gesellschaft, es trägt seinen heutigen Namen seit 1947, und im NDR laufen seine Produktionen seit 1954. Die Bühne spielte zwar in erster Linie Plattdeutsch, doch das Publikum kennt den Zwischenton zwischen beiden Sprachen aus vielen Stücken.
Wer Missingsch erkennen will, achtet nicht auf einzelne Wörter, sondern auf den Satzbau und auf Formen wie ihr statt sie. Die Wörter sind meist vertraut, die Grammatik verrät die Herkunft. Gerade deshalb wirkt Missingsch auf Zuhörer oft komisch und warmherzig zugleich.
Das Wort Missingsch beschreibt also keine feste Norm, sondern ein Spektrum. An einem Ende steht fast reines Hochdeutsch mit leichter Färbung, am anderen eine Sprache, in der das Niederdeutsche deutlich durchscheint. Wer beides beschreiben will, braucht Geduld und ein gutes Ohr.