Illustration einer flachen Marschlandschaft mit Deich, Windmühle und Schafen

Was Niederdeutsch ist

Niederdeutsch gehört zu den westgermanischen Sprachen. Zusammen mit dem Hochdeutschen, dem Niederfränkischen und den friesischen Varietäten bildet es ein westgermanisches Dialektkontinuum. Darin sind die Grenzen zwischen den Varietäten fließend: Die Unterschiede nehmen mit der Entfernung allmählich zu. Deshalb lässt sich die Frage, ob Niederdeutsch eine eigene Sprache ist, nicht einfach beantworten.

Eine einheitliche Schriftsprache gibt es heute nicht. Als Dachsprache dient das Standarddeutsche. Die Schreibweisen des Niederdeutschen sind entsprechend vielfältig.

Die zweite Lautverschiebung

Der wichtigste Unterschied zum Hochdeutschen liegt in der Sprachgeschichte: Niederdeutsch hat die zweite Lautverschiebung nicht durchlaufen. Das lässt sich bereits an alltäglichen Wörtern erkennen.

So heißt es auf Niederdeutsch Fot und grot, auf Hochdeutsch Fuß und groß. Hus entspricht Haus. Solche Wortpaare veranschaulichen die eigenständige Entwicklung des Niederdeutschen. Es ist kein verdorbenes Deutsch, sondern hat sich anders entwickelt und die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht.

Wo Plattdeutsch gesprochen wird

Das historische Sprachgebiet umfasst den Nordwesten Deutschlands und den Nordosten der Niederlande. Am besten erhalten ist Plattdeutsch im vertrauten Umgang in Ostfriesland, im Elbe-Weser-Dreieck und in Dithmarschen.

Auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2009 gab das Institut für niederdeutsche Sprache an, dass rund 2,6 Millionen Menschen Niederdeutsch gut oder sehr gut sprechen. Das entspricht 14 Prozent der Bevölkerung Norddeutschlands. Diese Zahl bezieht sich auf Norddeutschland und dient als Orientierungswert; den aktuellen Stand gibt sie nicht wieder.

Rechtlicher Status

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen hat die Stellung der Sprache gestärkt. Ihre Bestimmungen traten für Deutschland 1999 in Kraft. Für Niederdeutsch gilt sie in acht Bundesländern: Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Damit ist Plattdeutsch als Regionalsprache anerkannt, besteht aber weiterhin neben dem dominierenden Standarddeutschen. Wer grundlegende Unterschiede wie Hus und Haus kennt, erkennt die Sprache leichter wieder.

Plattdeutsch als Sprache der Hanse

Lange vor dem heutigen Plattdeutsch gab es das Mittelniederdeutsche. Es war im norddeutschen Raum vom 13. bis ins 17. Jahrhundert verbreitet und diente als Handelssprache im gesamten Ostseeraum, von den Hansekontoren in London und Brügge bis nach Bergen und Nowgorod. Die weitreichenden Handelsbeziehungen verlangten eine überregionale Geschäfts- und Schriftsprache, und diese Rolle übernahm das Niederdeutsche.

Heute begegnet man der Sprache vor allem auf der Bühne. Richard Ohnsorg gründete 1902 in Hamburg die Dramatische Gesellschaft, die Stücke auf Plattdeutsch spielen wollte. Seit 1947 trägt das Haus den Namen Ohnsorg-Theater, und seit 1954 werden seine Produktionen im NDR gezeigt. So ist aus einer Handelssprache eine Sprache geworden, die man im Wohnzimmer hören kann.